Ganzheitlicher Ansatz

Jeden Tag sterben weltweit 800 Frauen an Komplikationen, die während der Schwangerschaft oder Geburt auftreten. 99 Prozent aller Todesfälle von Müttern ereignen sich in Entwicklungsländern – die meisten von ihnen könnten verhindert werden. Bisher fehlte ein ganzheitlicher, koordinierter Ansatz und ein Austausch über bewährte Verfahren („best practices“), um Müttersterblichkeit nachhaltig zu senken. Die vielschichtige Problematik erfordert einen ganzheitlichen Ansatz:

  • gesellschaftlich/kulturell: sehr frühe Heirat und Schwangerschaft von Mädchen, die häufig nicht älter sind als 11 oder 12 Jahre; fehlende Aufklärung über Familienplanung; hohe Anzahl an Hausgeburten; keine/schlechte Schulbildung für Mädchen.
  • medizinisch: mangelhafte medizinische Versorgung der Frauen, vor allem während Schwangerschaft und Geburt; dürftige hygienische Bedingungen; unzureichend ausgebildetes Personal.
  • ökonomisch: mangelhafte medizinische Infrastruktur, vor allem in den ländlichen Gegenden; schlecht ausgestattete Hospitäler.

Das Rotary Pilotprojekt „Verbesserung der Müttergesundheit“ (2005-2010) im Norden Nigerias ist ein solch ganzheitlicher Ansatz, der mittlerweile in drei weiteren Staaten Nigerias (FCT Abuja, Ondo und Enugu) repliziert wird.
Der ganzheitliche Ansatz umfasst sechs Tätigkeitsbereiche:

  • Aufklärungs- und Advocacy-Kampagnen informieren die Bevölkerung, wie Fisteln vorgebeugt werden und verantwortungsvolle Elternschaft gelingen kann
  • Ausbildung und Schulung von Gesundheitspersonal zur Erhöhung der Anzahl qualifizierter Geburtshelfer
  • Ausstattung von Krankenhäusern und Gesundheitszentren, um angemessene geburtshilfliche Behandlungen, Fistel-Operationen und Kaiserschnitte durchführen zu können
  • Rehabilitation von genesenen Patientinnen durch Ausbildungsprogramme und Mikrokreditvergabe
  • Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Verbänden und Stiftungen
  • Einbindung von Regierungsbehörden, um die Nachhaltigkeit des Projekts sicherzustellen

In dem fünfjährigen Pilotprojekt konzentrierten wir uns auf zwei nördliche Staaten Nigerias (Kaduna und Kano) mit einer Zielgruppe von fünf Millionen Frauen. Unser Ziel war es, die Hauptrisikofaktoren für Schwangere zu bestimmen, die Dorfbewohner durch Aufklärung für Ursachen von Mütter- und Neugeborenensterblichkeit zu sensibilisieren sowie gemeinsam mit ihnen gegen diese vorzugehen.
Unser ganzheitlicher Ansatz beinhaltet Radioserien, Schulung von Gesundheitspersonal, Bereitstellung medizinischer Ausstattung, Verbesserung der Qualitätsstandards und Prozesse sowie Durchführung von Routine-HIV/AIDS-Tests, um Mutter-Kind-Übertragungen zu verhindern. Zwei Krankenhäuser wurden zu Fistelbehandlungszentren ausgebaut, in denen Patientinnen chirurgisch wiederhergestellt und postoperativ versorgt werden können. Zusätzliche Rotary Satellitenprojekte unterstützten die Nachhaltigkeit der Projekterfolge.

Die Optimierung der Struktur- und Prozessqualität in den Hospitälern ist eine notwendige Voraussetzung, um die Gesundheit von Frauen und Kindern verbessern zu können. Die Schritte dafür sind:

  • die Struktur der Krankenhäuser analysieren
  • die Qualität der geburtshilflichen Versorgung verbessern, z.B. Operationssäle und Kreißsaal funktionstüchtig machen
  • Ärzte und Hebammen schulen, für eine verbesserte Prozessqualität und Ergebnisqualität (d.h. bessere Gesundheit von Mutter und Kind)

Mittlerweile machen 25 ausgewählte Krankenhäuser in den Staaten Kaduna, Kano, FCT Abuja, Ondo und Enugu bei einer fortlaufenden Datenerhebung mit und erfassen jeden Monat die Mütter- und Säuglingssterblichkeitsraten sowie auftretende Komplikationen bei Patientinnen während einer Schwangerschaft oder Geburt. Die Ärzte und Hebammen, die in den Krankenhäusern arbeiten, diskutieren die anonymisierten Ergebnisse von jedem Krankenhaus in vierteljährlich stattfindenden Auswertungsbesprechungen (Review Meetings). Zusätzlich liefern spezialisierte Fragebögen profunde Erkenntnisse über die Ursachen der Müttersterblichkeit. Sobald die Struktur- und Prozessqualität von Krankenhäusern und Personal gewährleistet ist, folgt der nächste Schritt: die Bevölkerung wird auf die verbesserten Gesundheitsdienste für Mütter aufmerksam gemacht. Mit Hilfe kulturell sensibler Medienkampagnen erfahren Frauen von dem Angebot und den Vorteilen der eingerichteten Gesundheitsdienste. Als Folge begeben sich mehr Frauen in fachliche Behandlung und die Anzahl risikoreicher Hausgeburten kann reduziert werden.